Auszug aus: Rudolf Berner: Die Unsichtbare Front. Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937). (c) Libertad Verlag Potsdam 1997. Im Buchhandel oder direkt beim Verlag erhältlich für 32.- DM unter ISBN-Nr.: 3-922226-23-X. [Zurück zur Inhaltsübersicht des Buches] 

Einleitung der Herausgeber

Unter dem Pseudonym Frank Tireur - in Anlehnung an den französischen Begriff franctireur (Freischärler) - veröffentlichte Rudolf Berner 1940 im Verlag des syndikalistischen Jugendverbandes (Sveriges Syndikalistiska Ungdomsförbundet [SUF]) den nun in deutscher Übersetzung herausgegebenen Bericht über die "illegale Arbeit in Deutschland". In literarisch verschlüsselter Form schrieb Berner über seine illegale Reise nach Deutschland und Polen im Februar/März 1937, die er im Auftrag der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) und der Gruppe Deutsche Anarcho-Syndikalisten im Ausland (DAS) in Barcelona unternahm. An eine publizistische Verwertung dieser streng konspirativen Mission hatten 1937 weder Berner noch die Gruppe DAS gedacht. Daß diese dann drei Jahre später erfolgte, ist nur im Kontext der innenpolitischen Situation Schwedens zu verstehen.

Infolge ihrer erklärten Neutralitätspolitik hatte die schwedische Regierung nach Beginn des Zweiten Weltkrieges eine Reihe von Gesetzen erlassen, um Spionage auf ihrem Territorium zu verhindern. Die Gesetze richteten sich in erster Linie gegen Ausländer und Flüchtlinge. Im März 1940 wurden über 200 deutsche Flüchtlinge, die als potentielles Sicherheitsrisiko galten, in Lagern interniert.[1] Aber auch schwedische Staatsbürger - u. a. die Syndikalisten - gerieten ins Visier der staatlichen Sicherheitsbehörden.[2] Wegen eines Artikels zum Attentat auf Hitler im November 1939 wurde der linkssozialistische Schriftsteller Ture Nerman zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Die von Nerman gegründete Vereinigung Kämpfende Demokratie und die schwedischen Syndikalisten gehörten zu den schärfsten Kritikern der schwedischen Neutralitätspolitik während des Zweiten Weltkrieges.[3]

In diesem politischen Kontext erschien Berners Buch. Es wurde im Vorwort des Verlages als eine "einzige Aufforderung zum Kampf gegen die Diktatur" charakterisiert, als Warnung vor einer nachgiebigen Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus: "In dieser nachtschwarzen Zeit sind der Kampf und der Wille zum Kampf das Allerwichtigste. Die Nachgiebigkeit führt uns ins Verderben." Schon aus Gründen der Konspiration blieb unerwähnt, daß es sich bei den im Buch beschriebenen Personen um Mitglieder der illegalen anarchosyndikalistischen Bewegung in Deutschland handelte. Für die Herausgeber der deutschen Ausgabe war es eine reizvolle Herausforderung zu versuchen, anhand unterschiedlicher Quellen diese Mischung von Authentizität und Fiktion aufzulösen. Das bedeutete zunächst einmal, den Verlauf von Berners Reise zu rekonstruieren, sowie reale Personen, Ereignisse und Orte zu decodieren. Letztere sind in eckigen Klammern direkt in den Text eingefügt. Die Annotationen über Personen und Ereignisse werden in Fußnoten wiedergegeben. Die dem Text zugrunde liegenden historischen Fakten konnten teilweise mit Sicherheit, teilweise nur als Annäherung (und als solche durch entsprechende Formulierungen ausgewiesen) und in einigen Fällen gar nicht rekonstruiert werden.

Die schwedischen Syndikalisten hatten nach Beginn des Zweiten Weltkrieges eine bemerkenswerte politische Wende vollzogen. Unter Vernachlässigung spezifisch syndikalistischer Zielsetzungen und unter Betonung eines breiten antifaschistischen Bündnisses verzichteten sie u. a. freiwillig auf Arbeitskämpfe, um die alliierten Kriegsanstrengungen zu unterstützen. Im Sinne dieses antifaschistischen Konzepts wurde Berners Buch vom Verlag präsentiert. Zwar ist es keine "gewöhnliche syndikalistische Propagandabroschüre", trägt aber durch seine stilistische Verschmelzung von authentischen und fiktionalen Elementen unverkennbar propagandistische Züge. Dennoch ist es ein seltenes und wertvolles historisches Dokument. Es vermittelt einen Eindruck von der Lebenssituation, den Ängsten und den Hoffnungen einer kleinen Gruppe des deutschen Widerstands und ist zugleich eines der seltenen Zeugnisse internationaler Solidarität im Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Über Rudolf "Rube" Berner existieren nur wenige biographische Angaben.[4] Geboren am 14. Juli 1907 in Skövde (Westschweden), wuchs er in einer kinderreichen Kleinbauern- und Arbeiterfamilie in der Nähe von Skövde auf. Er besuchte die Volksschule und erlernte das Malerhandwerk. 1931 kam er in Udevalla, wo er als Schiffsmaler arbeitete, eher zufällig mit der anarchistischen Gedankenwelt in Berührung. Er traf einen Verkäufer der anarchistischen bzw. syndikalistischen Zeitungen Brand und Arbetaren. Von diesem erhielt er ein Exemplar des Brand. Die Lektüre des Blattes wirkte gewissermaßen als Inititalzündung und sollte Berners Schicksal fortan bestimmen: "Irgendetwas in mir sagte, das war genau das, was ich immer gedacht habe, aber niemals artikulieren konnte", erinnerte er sich später. In der Folgezeit erschienen in Brand und Arbetaren seine ersten journalistischen Arbeiten. Im Sommer 1931 ging Berner nach Nässjö und von dort am 1. Oktober 1931 weiter nach Stockholm, wo er in der Redaktion des Brand ein "Zuhause" fand.

Als Delegierter des SUF nahm Berner Ende 1931 an einem Kongreß der Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands (FKAD) in Berlin teil. In Berlin traf er Helmut Rüdiger, Berthold Cahn, Rudolf Oestreich, hörte einen Vortrag von Erich Mühsam und besuchte Franz Pfemfert. Vor allem aber fühlte er sich in der Berlin-Adlershofer Gruppe um Willi Boretti heimisch. 1932 ging er nach Schweden zurück. Aber bereits 1936 zog es ihn wieder auf "Wanderschaft", und er tippelte durch Dänemark, Deutschland, die Tschechoslowakei und Österreich. In Klosterneuburg bei Wien traf er sich mit Pierre Ramus. Hier erreichte ihn auch die Nachricht vom Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges.

Sein erster Versuch, nach Spanien zu gehen, wurde jedoch an der Schweizer Grenze verhindert. Unverzüglich reiste Berner über Deutschland wieder zurück nach Schweden. Doch schon im Oktober 1936 fuhr er als Delegierter der schwedischen Syndikalisten, der Sveriges Arbetares Centralorganisation (SAC), nach Spanien und löste dort Axel Österberg ab, der in Schweden für die Organisation einer Spanien-Propaganda-Tour gebraucht wurde. In Spanien arbeitete Berner in der Auslandsabteilung der Confederación National del Trabajo (CNT) / Federación Anarquista Iberíca (FAI), dem Zusammenschluß der spanischen Anarchosyndikalisten und Anarchisten. Er redigierte u. a. deren wöchentlich erscheinenden Informationsdienst in schwedischer Sprache.
 
Berner unterhielt in Barcelona enge Kontakte zu deutschen Anarchosyndikalisten. Die Gruppe DAS hatte zu diesem Zeitpunkt keine direkten Kontakte mehr zu ihren illegalen Kadern in Deutschland. "Diese Kontaktlosigkeit war für uns in Barcelona natürlich ein ernstes Problem", schreibt rückblickend Helmut Kirschey. "Da Berner einen schwedischen Paß hatte und ein sehr mutiger Kerl war, fragten wir ihn, ob er nicht eine Reise in die Höhle des Löwen machen wollte. Und das wollte er!"[5] Berner sollte die deutschen Genossen und Genossinnen über die Entwicklung in Spanien informieren und wieder feste organisatorische Verbindungen zur Gruppe DAS herstellen. Unzweifelhaft gehörte persönlicher Mut zu diesem Unternehmen. Berner eignete sich aber auch deshalb hervorragend für diese Mission, weil er fließend Deutsch sprach, das Land und namentlich eine Reihe der in der FKAD zusammengeschlossenen Anarchisten persönlich kannte. Außerdem war er bereits im Frühjahr und im Sommer 1936 durch Deutschland gereist. Beide Male traf er mit dem Berliner Anarchisten Willi Boretti zusammen.[6]   

Mitglieder der Gruppe DAS 1938 in Barcelona: Wilhelm 'Willi' Winkelmann (1897-1981), Spitzname der "Rote Konsul von Barcelona", und Paul Helberg (geb. 1905).

Sein erster Versuch, nach Spanien zu gehen, wurde jedoch an der Schweizer Grenze verhindert. Unverzüglich reiste Berner über Deutschland wieder zurück nach Schweden. Doch schon im Oktober 1936 fuhr er als Delegierter der schwedischen Syndikalisten, der Sveriges Arbetares Centralorganisation (SAC), nach Spanien und löste dort Axel Österberg ab, der in Schweden für die Organisation einer Spanien-Propaganda-Tour gebraucht wurde. In Spanien arbeitete Berner in der Auslandsabteilung der Confederación National del Trabajo (CNT) / Federación Anarquista Iberíca (FAI), dem Zusammenschluß der spanischen Anarchosyndikalisten und Anarchisten. Er redigierte u. a. deren wöchentlich erscheinenden Informationsdienst in schwedischer Sprache.

Berner unterhielt in Barcelona enge Kontakte zu deutschen Anarchosyndikalisten. Die Gruppe DAS hatte zu diesem Zeitpunkt keine direkten Kontakte mehr zu ihren illegalen Kadern in Deutschland. "Diese Kontaktlosigkeit war für uns in Barcelona natürlich ein ernstes Problem", schreibt rückblickend Helmut Kirschey. "Da Berner einen schwedischen Paß hatte und ein sehr mutiger Kerl war, fragten wir ihn, ob er nicht eine Reise in die Höhle des Löwen machen wollte. Und das wollte er!"[5] Berner sollte die deutschen Genossen und Genossinnen über die Entwicklung in Spanien informieren und wieder feste organisatorische Verbindungen zur Gruppe DAS herstellen. Unzweifelhaft gehörte persönlicher Mut zu diesem Unternehmen. Berner eignete sich aber auch deshalb hervorragend für diese Mission, weil er fließend Deutsch sprach, das Land und namentlich eine Reihe der in der FKAD zusammengeschlossenen Anarchisten persönlich kannte. Außerdem war er bereits im Frühjahr und im Sommer 1936 durch Deutschland gereist. Beide Male traf er mit dem Berliner Anarchisten Willi Boretti zusammen.[6]

Die Vorbereitungen waren schnell getan. Das nötige Reisegeld hatte Berner aus Schweden spätestens für den 15. Februar 1937 an die Anschrift von Mollie Steimer, der Kontaktperson der Gruppe DAS in Paris geordert.[7] Offiziell reiste Berner als Delegierter der IAA nach Deutschland. Der SAC teilte Helmut Rüdiger, der Sekretär der IAA in Barcelona war, in einem Brief am 16. Februar mit: "Genosse Berner ist in einer Mission der IAA, die vorläufig geheim bleiben muß, ins Ausland gefahren. Die Sache war dringend und unaufschiebbar, und es war unmöglich, einen anderen zu schicken.["8] Mitte Februar reiste Berner von Barcelona nach Paris. Dort informierte er um den 15./16. Februar Pierre Besnard, den verantwortlichen Sekretär der IAA, von seinem Vorhaben und begab sich anschließend auf die gefahrvolle Reise nach Deutschland.

Entgegen seinen Befürchtungen konnte er problemlos in Deutschland einreisen. Die Grenzbeamten hatten den Einreisestempel des republikanischen Spaniens in seinem Paß nicht zur Kenntnis genommen. Seine erste Station in Deutschland war Wuppertal. Nachweisbar traf er hier mit Änne Niessen, der nicht zur FAUD gehörenden älteren Schwester Helmut Kirscheys, zusammen.[9]

Von Wuppertal reiste er nach Düsseldorf weiter. Seine Ankunft am 20. Februar 1937 fiel mit dem Tag der Beisetzung Anton Rosinkes zusammen, der von der Gestapo ermordet worden war. Den Kern der anarchistischen Militanten, die gleichermaßen in der FKAD wie in der FAUD aktiv waren, kannte er persönlich vom FKAD-Kongreß des Jahres 1931. Vor der nationalsozialistischen Machtergreifung bestanden in Düsseldorf drei anarchistische Gruppen: Die stärkste Gruppe existierte in Düsseldorf-Gerresheim und umfaßte acht bis neun Personen, u. a. Anton Rosinke, Robert Albrecht und Fritz Nell; die zweite Gruppe in Düsseldorf-Derendorf bestand aus Fritz Trobitz, Gustav Häusler, Hermann Ingenhoven, Heinrich Evertz und Bernhard Schmithals; zur dritten Gruppe in der Düsseldorfer Altstadt gehörten Bernhard Grimm, Karl Schäfer, Heinrich Stauch und Karl Schüler.[10] Einige von ihnen wurden schon am 23. Februar 1937, die anderen kurz darauf von der Gestapo verhaftet.[11]

Von Düsseldorf aus fuhr Berner nach Leipzig und traf Arthur Holke und/oder Gerhard Wartenberg.[12]
 
 

Willi Boretti (1906-1970), Berners Berliner Freund, 
im Februar 1951.

In Berlin, der nächsten Station seiner Reise, kontaktierte Berner zuerst seinen alten Freund Willi Boretti in dessen Wohnung in der Gemeinschaftsstraße 30. Beide kannten sich bereits aus Schweden, wohin Boretti 1928/29, gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth, eine "Ferienfahrt" unternommen hatte. Boretti brachte Berner zu Rudolf Oestreich in die Prenzlauer Straße 42 b. Gemeinsam gingen sie in das Lokal Aschinger am Alexanderplatz, danach trennten sie sich. Boretti und Berner gingen in die Forster Straße 38, wo Karl Kroneberg wohnte, der die Verbindung zwischen den Berliner Anarchisten und Anarchosyndikalisten aufrechterhielt. Oestreich holte inzwischen den Leiter der Berliner FAUD Walter Schwalba[13] und brachte ihn zu Kroneberg. In der dort stattfindenden Sitzung überbrachte Berner Grüße von Helmut Rüdiger und Augustin Souchy aus Barcelona, informierte über die Situation in Spanien und erörterte mit den Teilnehmern die Möglichkeiten der illegalen Arbeit in Deutschland. 

Weitere Treffen mit einzelnen Genossen, so mit Hans Spaltenstein[14], folgten. Eine kurze, offenbar aber ergebnislose Zusammenkunft hatte Berner noch in der Lausitzer Straße 22 a mit Reinhold Busch, dem früheren Obmann der Geschäftskommission der FAUD.[15] 

In einem Brief vom 1. März 1937 bilanzierte Rüdiger den bisherigen Reiseverlauf Berners: "Er war schon in Deutschland, ging über Stockholm (wegen des Visums) nach Polen und geht von dort noch einmal nach Deutschland zurück. [] Er hat sehr guten Kontakt mit der Bewegung gefunden und schreibt von Stockholm, er habe aus D.[eutschland] Interessantes und Ungeheuerliches zu berichten []. Für unsere deutschen Genossen wird es ein Erlebnis gewesen sein."[16]

In Warschau knüpfte Berner Beziehungen zur polnischen Gewerkschaft Centrany Wydzial Zawodowy (ZZZ), deren konspirativen anarchosyndikalistischen Flügel einer der führenden oberschlesischen Funktionäre der FAUD, Alfons Pilarski, leitete.[17] Die polnischen Anarchosyndikalisten hatten für die durch den Bürgerkrieg in Not geratenen spanischen Kinder gesammelt, und Berner bot sich an, die Solidaritätsgelder nach Barcelona zu schmuggeln.

Nach Erledigung seiner Aufgabe in Polen tauchte Berner acht Tage nach seinen Berliner Gesprächen wieder bei Boretti auf und blieb dort über Nacht. Am nächsten Tag reiste er erneut in den rheinischen Raum[18] und geriet beinahe in die dort gerade laufende Verhaftungswelle. Er konnte jedoch "die Schweine im letzten Augenblick" entdecken und flüchtete "schnell auf holländischen Boden".[19]

Nachdem er dem Sekretariat der IAA in Paris Bericht über seine Reise erstattet hatte, begab er sich wieder nach Barcelona. "Ich entsinne mich", schreibt Kirschey, "daß wir alle tief erschüttert waren über seinen Stimmungsbericht. Es war aber offenbar so, daß sein Besuch eine ungeheure Vitaminspritze für unsere Genossen [in Deutschland] war."[20] Welche weiteren Auswirkungen Berners Reise für den innerdeutschen Widerstand hatte, kann nur vermutet werden. Für die Kommunikation zwischen den Illegalen im Reich und den Exilanten war sie freilich ohne Belang, da die IAA und die DAS nach der Verhaftungswelle des Jahres 1937 kaum noch über Verbindungskanäle nach Deutschland verfügten.

Im November 1937 kehrte Berner nach Stockholm zurück. Einige Hinweise in den Quellen sprechen dafür, daß die gegen seinen Willen erfolgte Abreise aus Barcelona auf Differenzen mit Augustin Souchy, dem Leiter der Auslandsabteilung der CNT-FAI, zurückzuführen war. Zu den führenden Funktionären der SAC, die auf Souchys Seite standen, hatte er ein sehr gespanntes Verhältnis. Von diesen fühlte er sich als politisch nicht ernst zu nehmender "Bohemien" diffamiert. Die unfreiwillige Rückkehr nach Schweden stürzte ihn offenbar in eine tiefe persönliche Krise. Weil er zu feige sei, Selbstmord zu begehen, schrieb er an Rüdiger, sei er fast immer betrunken.[21] Ein von ihm geplantes Buch über Erich Mühsam kam wegen seiner desolaten persönlichen Lebenssituation - er hatte keine feste Wohnung und hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser - nicht zustande.[22]

Bereits im folgenden Frühjahr ergab sich für ihn unerwartet wieder die Möglichkeit, nach Spanien zu gehen. "Ich fühle mich hier wie zu Hause", schrieb er im Mai 1938 begeistert an Rüdiger.[23] In Barcelona und Madrid war Berner für die CNT-FAI journalistisch tätig, und er verfaßte in Schwedisch eine Broschüre über Spanien.[24] Im Dezember 1938 fuhr er zurück nach Stockholm, um dort den geplanten Besuch einer CNT-Delegation vorzubereiten.[25] Nach Spanien konnte er jedoch wegen der Eroberung Kataloniens durch die Franco-Truppen nicht, wie geplant, zurückkehren. Stattdessen reiste Berner nach Paris, wo er keine Arbeitsmöglichkeit fand und "zum Hungern verurteilt" war. Im Juli 1939 wurde er schließlich von der französischen Polizei ausgewiesen und kehrte nach Schweden zurück.[26]

Anfang der 40er Jahre heiratete Berner in Schweden eine deutsche Emigrantin. Über seine Tätigkeit während des Krieges liegen kaum Informationen vor. Seit 1936 war er Mitarbeiter bei der syndikalistischen Zeitung Arbetaren, für die er im April 1946 als Korrespondent nach Frankreich reiste und von dort "sehr interessante und lebendige Artikel über die CNT-Emigration" schrieb.[27] Im gleichen Jahr bereiste er als Reporter auch die Schweiz und Spanien. Doch wie im Jahre 1937 in Barcelona wollte er offenbar nicht nur Artikel schreiben. "Rudolf Berner hat die Tollkühnheit besessen, nach Spanien zu reisen, wo er nun illegal! lebt und schreibt: jeden Tag hat die Zeitung [Arbetaren] schon fast zwei Wochen einen Originalartikel von Berner aus Madrid."[28]

Zwischen der Exil- und der Inlandsleitung der CNT war es nach dem Krieg zu einer politischen Spaltung gekommen. Während die Exilleitung um Federica Montseny die traditionellen anarchistischen Dogmen verteidigte, setzte sich die Inlandsleitung für ein breites Bündis unter Einschluß aller antifranquistischen Organisationen ein. Berner hatte in diesem Konflikt ausdrücklich Stellung für die Inlandsgruppen der CNT genommen. Die in Schweden gesammelten Solidaritätsgelder der SAC wurden aber an die Exilleitung um Montseny gesandt. Deshalb trat Berner aus der SAC aus. Seine Genossen nahmen ihm sehr übel, daß sie dies aus einer sozialdemokratischen Zeitung erfuhren. "Berner, der ein ganz unbeherrschter Gefühlsmensch ist", schrieb Rüdiger entrüstet an Rocker, habe im "Zentralorgan der Sozialdemokratie" in einem langen Artikel die SAC und die IAA kritisiert und seinen Austritt mit dem Argument begründet, er könne es nicht länger mit seinem Gewissen vereinbaren einer Organisation anzugehören, die derart gegen die kämpfenden Spanier handle.[29]

Wenige Jahre später revidierte Rüdiger sein Urteil über Berner. Dieser sei "ein zuverlässiger Freund der CNT und unserer Sache", "auch wenn er einen Weg gewählt habe", dem er nicht folgen könnte.[30]

Für die Zeit nach 1946 finden sich nur noch spärliche Hinweise zu seinen Aktivitäten. Im Januar 1954 ging Berner an das Internationale Arbeiter-Film-Institut nach Brüssel und organisierte internationale Arbeiterfilmfestspiele, so in Hamburg 1954. Im Juli 1955 kehrte er nach Schweden zurück und arbeitete in Lund als Redakteur für Arbetet. Seit Anfang 1962 war er als freier Publizist tätig und schrieb u. a. für die in Lund erscheinende kulturpolitische Zeitschrift Studiekamraten. Er übersetzte Texte von Erich Mühsam ins Schwedische. Und er ist 1958 als "Tourist" getarnt nochmals für eine Reportage nach Barcelona gereist.[31] Am 11. März 1977 starb Rudolf Berner in Lund.

[Frts.: (Berner-Bericht:) Über die Grenze]


Auszug aus: Rudolf Berner: Die Unsichtbare Front. Bericht über die illegale Arbeit in Deutschland (1937). (c) Libertad Verlag Potsdam 1997. Im Buchhandel oder direkt beim Verlag erhältlich für 32.- DM unter ISBN-Nr.: 3-922226-23-X. [Zurück zur Inhaltsübersicht des Buches]